Der Präsident der Gewerkschaft Kommunikation stellt sich den Abbau- und Reoganisationsplänen von Postchef Ulrich Gygi in den Weg. Und er bringt die Postangestellten dazu, zu streiken. Ein Artikel von der Wochenzeitung.
An der Looslistrasse im Berner Quartier Untermatt hat die Gewerkschaft Kommunikation kürzlich neue Büroräume bezogen. Gummibäume, Wasserspender, Spannteppiche, Möbel - die Gewerkschaft als modernes Dienstleistungsunternehmen. Präsident Christian Levrat kommt gerade aus einer Sitzung, bittet um zwei Minuten, verschwindet mit dem Handy in seinem Büro, kommt dann zum Gespräch, das er aufmerksam und engagiert führt - in einem für einen Romand ausgezeichneten Deutsch. Kaum ist das Tonband abgeschaltet, hat er auch schon die Hand gedrückt und ist verschwunden - ein viel beschäftigter Mann eben.
Jung, engagiert, frech
Als Gewerkschafter hat sich Levrat innert kurzer Zeit einen guten Namen geschaffen. Der Gewerkschaft Kommunikation hat er ein Gesicht gegeben, sein Gesicht - jung, engagiert und frech.
Bereits kann er Erfolge verbuchen: Er brachte 2002 die Post davon ab, die Zahl der Briefverteilzentren von elf auf drei zu reduzieren, er führte 2003 einen zwölftägigen Streik bei Orange zu einem guten Ende - die Angestellten bekamen einen verbesserten Sozialplan - und er verhinderte 2003, dass die Swisscom die Gewerkschaft vor die Tür stellte.
Nun steht die bislang härteste Auseinandersetzung vor der Tür: Levrat und die Gewerkschaft wollen der Post die Weihnachtsfreude verderben, falls Postchef Ulrich Gygi nicht auf seinen Entscheid zurückkommt, den Postautobetrieb in eine AG auszulagern. Dieses Vorhaben von Gygi empfindet Levrat als Verstoss gegen Treu und Glauben. «Wir führen mit der Post doch keine GAV-Verhandlungen, damit sie nachher Teile des Unternehmens einfach ausgliedert und damit der Unterstellung unter den GAV entzieht», sagt Levrat wütend.
Levrat gehört zu einer neuen Generation von GewerkschafterInnen: mit einem kämpferischen Auftreten und dem Wissen, dass eine gute Gewerkschaft auch gute Dienstleistungen anbieten muss. Der in den Waadtländer Regierungsrat gewählte Pierre-Yves Maillard ist ihm ähnlich oder Corrado Pardini von der Unia Biel. «Es ist schon ein Unterschied, ob man in den siebziger Jahren Gewerkschaftsarbeit gemacht hat oder heute», sagt Levrat, «damals wurde eher partnerschaftlich verhandelt. Uns sitzen heute neoliberale HSG-Boys gegenüber, die aus ideologischen Gründen keine Kompromisse machen wollen.»
Dem aus dem Greyerzerland stammenden Levrat - dort ist er auch heute noch zu Hause - wurde der Gewerkschaftsführer nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil, in den achtziger Jahren gründete er eine Jugendsektion der FDP. Mit seinem Engagement für die GSoA-Initiative trennte er sich dann aber wieder von der FDP - und blieb bis zu seinem Eintritt in die SP rund zehn Jahre später parteilos. Er studierte Recht und Politologie. Dann holte ihn die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) nach Bern. Als Mann an der Basis brachte er frischen Wind in den Betrieb - und gewann schnell die Sympathien seiner KollegInnen. Bald stieg er zum Leiter des Rechtsdienstes auf - und er war der Wunschkandidat der Angestellten des SFH als Geschäftsführer. Die Trägerorganisationen zogen ihm dann aber Alberto Achermann vor. Levrat war enttäuscht, aus politischen, aber auch aus persönlichen Gründen. Es wechselte in die Gewerkschaft Kommunikation, wo er nach nur zwei Jahren zum Präsidenten gewählt wurde. Gleichzeitig betrieb er seine politische Karriere im Kanton Freiburg. Im Herbst 2003 schaffte er den Sprung in den Nationalrat. Im Bundeshaus verstärkt er, so der Gewerkschaftsbundpräsident Paul Rechsteiner, den Service-public-Flügel seiner Partei.
Inzwischen ist Levrat vor allem der Gegenspieler von Ulrich Gygi, dessen Geschäftspolitik er je länger, je weniger folgen kann. «Gygi führt den Konzern mit dem Taschenrechner», spottet er, «er hat keine strategischen Vorstellungen, wohin die Post gehen soll. Und der Verwaltungsrat - schauen Sie sich mal den schlechten Leistungsausweis von Verwaltungsratspräsident Anton Menth an! - segnet Gygis Vorgehen einfach ab.»
Dabei habe er persönlich nichts gegen den Postchef, finde es auch falsch, ihn aus der SP rauswerfen zu wollen, aber was jetzt passiere, gehe einfach zu weit.
Ist Levrat ein Spieler? Nimmt er mit den Streikdrohungen den Mund zu voll? «Ich glaube nicht, dass man einen Streik von oben diktieren kann», sagt er vorsichtig. Aber die Stimmung an der Basis sei explosiv. Das wisse er aus erster Hand, schliesslich sei er immer wieder an Versammlungen der Sektionen dabei.
Dabei sei ihm diese Auseinandersetzung mit der Post durchaus unangenehm. Er wolle einfach vernünftige Lösungen für seine Mitglieder - nichts liege ihm ferner, als aus ideologischen Gründen einen Arbeitskampf zu führen.
Mann mit Ambitionen
Levrat ist ein Mann mit Ambitionen, wie sein bisheriger Werdegang zeigt: Ist es also für ihn nicht höchst frustrierend, mit einem Unternehmen - der Post - zu tun zu haben, das unbeirrt seinen Weg geht und die Einwände der Gewerkschaft nicht achtet? So einfach sei es dann doch nicht, sagt Levrat: «Sicher wird unsere Arbeit durch die Ereignisse der Post geprägt - aber wir leisten in anderen Bereichen unseres Sektors gute Aufbauarbeit und haben auch Erfolge verbuchen können.» Zum Beispiel bei Orange, zum Beispiel bei anderen Logistikunternehmen, zum Beispiel bei der Swisscom. «Fast am meisten ärgert uns, dass die Post verhindert, dass wir uns in diesen Sektoren noch stärker engagieren können.» Es könne ja nicht darum gehen, dass der grösste Anbieter auf dem Platz einfach auf die tiefen Löhne seiner Konkurrenten schiele. «Vielmehr müssen wir es schaffen, dort die Arbeitsverhältnisse so zu regulieren, dass sie die Post nicht mehr als Vorwand nehmen kann, die eigenen Löhne zu drücken.»
Und schlechten Stil findet er es schliesslich, dass die Post ihre Angestellten bei einem Lohnvergleich in der «SonntagsZeitung» ans Messer liefert. Die Zeitung hatte am letzten Wochenende die Angestellten der Post als überdurchschnittliche Gutverdienende dargestellt: «So etwas macht doch ein anständiger Arbeitgeber nicht.»
Den scharfen Ton gegenüber der Post kann sich Levrat leisten, weil er anders als sein Vorgänger Hans Ueli Ruchti nicht selber im Verwaltungsrat der Post sitzt: «Ich will meine Handlungsfreiheit nicht einschränken lassen», sagt Levrat: «Aber es ist natürlich richtig, dass wir einen Vertreter im Verwaltungsrat haben. Wir können unsere Anliegen direkt deponieren, und niemand kann später sagen, er habe es nicht gewusst.»
Die Aussenwirkung von Levrat ist unbestritten - und auch innerhalb der Gewerkschaft sind seine Verdienste anerkannt. Aber wie jedes Alphatier hat auch er seine blinden Flecken. Er sei ein Arbeitstier, der bisweilen die Ansprüche nicht an die verfügbaren Kräfte anpassen könne, er sei ungeduldig und trete innerhalb der Gewerkschaft manchmal ähnlich hart auf wie gegen aussen. Schliesslich falle ihm nicht immer leicht, andere Positionen zu akzeptieren.
«Herr Levrat, sind Sie ein guter Chef?» - «Oh, das kann ich nicht selber beurteilen», weicht er zuerst aus. Dann aber wird er doch noch konkret: «Ich achte darauf, dass wir unsere Finanzen im Griff haben. Drei Jahre lang haben wir Defizite geschrieben - nun sind wir wieder in den schwarzen Zahlen.» Das Echo aus dem Betrieb bestätigt Levrats strengen Blick auf die Zahlen: Er lasse sich bei Finanzentscheiden allzu schnell von Zahlen leiten und streiche dort, wo der Nutzen am wenigsten konkret sei.
Apropos Finanzen: War die Post-Initiative, die verlangte, dass ein flächendeckendes Poststellennetz notfalls mit staatlicher Unterstützung zu erhalten sei, wirklich eine Million Franken wert? Levrat: «Wir haben verloren, aber nur knapp. Ich vergleiche das mit der Niederlage der SVP-Asylinitiative, die dann doch enorme Wirkung zeigte. Ein Referendum hätten wir wahrscheinlich gewonnen. Das stimmt uns zuversichtlich für das Referendum gegen die Freigabe der letzten Meile beim Telefonnetz.»
Levrat hat nicht nur klare Vorstellungen, was die Post ihren Angestellten schuldig ist, er hat auch Ideen, wie sich die Post als Unternehmen entwickeln sollte. «Es ist wichtig, dass sich die Post an der Schnittstelle zwischen der realen Welt und dem Internet platziert. Wir haben überhaupt keine Mühe, wenn die Post entsprechende Angebote auf den Markt bringt.» Er verstehe auch nicht, dass sich das Unternehmen vom dichten Poststellennetz verabschieden wolle. Das sei doch ein sehr wichtiger Standortvorteil: «Die über das ganze Land verstreuten Poststellen sind goldene Plattformen für viele mögliche Dienstleistungen im Bereich der Logistik.»
Wie bei fast allen Machern geht auch bei Levrat der Beruf zurzeit über alles. Er zähle die Stunden im Dienste von Politik und Gewerkschaft gar nicht, sagt Levrat, sein Privatleben und seine Familie kämen eindeutig zu kurz. Seine drei Kinder würden von seiner Frau betreut, das habe sie selber so gewollt. Aber er müsse halt Opfer bringen.
Johannes Wartenweiler, Die Wochenzeitung, 25. November 2004