Hinter den Protesten gegen die Post steht Christian Levrat: Der 34-jährige Freiburger gehört zur neuen Generation der selbstbewussten, kämpferischen Gewerkschafter.
Er wirkt etwas müde, blickt aber zufrieden auf die Protestaktionen zurück, die seine Leute in der Nacht auf gestern durchgeführt haben. «Es ist uns gelungen, ein Zeichen zu setzen», konstatiert Christian Levrat, Präsident der Gewerkschaft Kommunikation. Zwei der drei blockierten Paketzentren hat er persönlich aufgesucht. Die Gespräche mit dem Personal bestärkten ihn in seiner Überzeugung, weiter gegen die Strategie der Post ankämpfen zu müssen. «Sie hat dafür zu sorgen, dass auch die in den Tochtergesellschaften tätigen Angestellten dem ordentlichen Gesamtarbeitsvertrag unterstellt werden.»
Vom Verwaltungsrat der Post, der eine solche Kursänderung beschliessen könnte, erwartet der im Greyerzerland aufgewachsene Gewerkschafter nicht mehr viel. Dem Gremium fehle es an der Sensibilität, die es brauche, um einen Service-public-Betrieb zu führen, kritisiert Levrat. Anders als sein Vorgänger sitzt er nicht im Verwaltungsrat, obschon er dazu befugt wäre. Das gibt ihm die Freiheit, die Strategie von Konzernchef Ulrich Gygi offen zu kritisieren. Levrat leuchtet nicht ein, weshalb sich die Post bei den Arbeitsbedingungen partout an die tieferen Standards der Konkurrenz anpassen möchte, statt umgekehrt darauf zu drängen, dass die privaten Anbieter anständige Löhne zahlten. «Die Post darf kein Sozialdumping betreiben», wiederholt er die in den letzten Tagen häufig gestellte Forderung.
Der 34-jährige Jurist, der nach seinem Studium in Freiburg an der Universität von Leicester in England noch einen Masterlehrgang in Politikwissenschaften abgeschlossen hat, tritt freundlich und bestimmt auf. Er kennt seine Dossiers à fonds, argumentiert geschickt und versucht, komplizierte Sachverhalte pointiert auf den Punkt zu bringen. «Wenn das so weitergeht», stichelt er mit Blick auf die forcierte Auslagerungsstrategie der Post, «ist am Schluss nur noch Gygis Sekretärin dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt.»
Ein passionierter Schachspieler
Natürlich weiss Levrat, dass solche Aussagen übertrieben sind. Doch der Freiburger SP-Nationalrat gehört zu jener neuen, aufstrebenden Gewerkschaftsgeneration, die angriffig agiert und ihre Konflikte mit den Sozialpartnern notfalls auch offen austrägt. Sie ist selbstbewusst, mobilisiert die Massen und versucht, parallel dazu die Gegenspieler politisch unter Druck zu setzen. Doch im Unterschied zum Streit um die Briefverteilzentren - wo die Post wegen der heftigen Proteste aus den Kantonen und einer Intervention von Bundesrat Moritz Leuenberger von ihren ursprünglichen Plänen abrücken musste - fehlen Levrat nun die Verbündeten. Einzig die SP und die ihr traditionell nahe stehenden Gewerkschaften zeigen sich solidarisch.
Das ficht den passionierten Schachspieler aber nicht an. Zug um Zug versucht er, sein Ziel zu erreichen. Wenn er sieht, dass auf dem Verhandlungsweg keine Fortschritte mehr zu erzielen sind, greift er zu Kampfmassnahmen. Bis jetzt hat sich diese Taktik ausbezahlt: Nach einem zwölftägigen Streik bei Orange hat das Unternehmen 2003 einem deutlich verbesserten Sozialplan zugestimmt. Wiederholte Arbeitsniederlegungen in den grössten Städten der Schweiz haben im selben Jahr zudem die Swisscom dazu gebracht, den Gesamtarbeitsvertrag auf alle Tochtergesellschaften auszudehnen.
Der Sohn eines Garagisten weiss, was die Mitarbeitenden bewegt. «Das Personal erwartet von mir keine Theorien, sondern Lösungen für ganz konkrete Probleme: Keine Lohnkürzungen zum Beispiel.» Kritik an der Streikdrohung weist er zurück. «Die Post stellt sich stur, und der Bundesrat argumentiert rein formalistisch, da bleibt uns gar nichts anderes übrig, als härter aufzutreten.» Nach Ansicht von FDP-Nationalrat Georges Theiler, im Parlament einer der grössten Kontrahenten Levrats, begibt sich dieser damit in die Illegalität. «Dass sich ein Nationalrat dazu hinreissen lässt, bedaure ich sehr.»
Flair für unorthodoxe Aktionen
Levrat ist sich seiner Verantwortung bewusst. Er spürt, dass unbedachte Aktionen den Zorn der Kundschaft hervorrufen könnte. Das will er vermeiden. Deshalb hat seine Gewerkschaft noch nicht zum Streik gegriffen, sondern erst mal ein Zeichen gesetzt.
Der Weg zur Post-Gewerkschaft war für Levrat nicht vorgezeichnet: Als Gymnasiast gründete er eine Jugendsektion der FDP. Später engagierte er sich für die Abschaffung der Armee. Während des Studiums transportierte er für den TCS verunfallte Autos in die Schweiz zurück und begann für die Caritas zu arbeiten. Dann stiess er zur Flüchtlingshilfe. Erst 2001 wechselte der bilingue Freiburger zur Gewerkschaft und trat in die SP ein. Dass ihm unorthodoxe Aktionen liegen, hat er allerdings schon 1989 bewiesen, als Levrat mit einem Lastwagen voller Nahrungsmittel für die Solidarnosc-Bewegung nach Polen reiste.
Annetta Bundi, Tages-Anzeiger, 26. November 2004