Unsere Schweiz.
Willy Ritschard sagte einst „Heimat ist dort, wo man keine Angst haben muss“. Peter Bichsel, Willy Ritschards Freund und Redenschreiber sah es anders: „Heimat ist dort, wo du deinen Ärger hast“. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Willy Ritschard sieht Heimat als etwas Persönliches. Wie er in der 1. August-Rede von 1978 gesagt hat: „. Es ist die Gewissheit, zu jemandem zu gehören. Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Einer Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann, die einem schätzt und die keinen fallen lässt. Es ist das Gefühl, verstanden zu werden. (…) Indem wir gemeinsam unseren alten und invaliden, oder auch sonst bedrängten Mitbürgerinnen und Mitbürgern eine gesicherte Zukunft garantieren, verteilen wir auch Freiheit. Freiheit kann sich nur in der Sicherheit entfalten. Sich sicher fühlen, in der Gemeinschaft geborgen zu sein, das ist auch das warme Gefühl, dass man eine Heimat hat.“
Für uns ist das ganz zentral: Sicherheit ist kein Widerspruch zu Freiheit, sie ist die Voraussetzung dafür. In der Schweiz gibt es eine Reihe von Errungenschaften, die auch die Errungenschaften der SP sind, die für uns Heimat ausmachen und auf die wir stolz sind. Die AHV zum Beispiel, der ausgezeichnete Service Public. Diese Schweiz, die soziale und individuelle Sicherheit für alle Menschen in diesem Land schafft und dabei gleichzeitig eine hohe persönliche Freiheit garantiert, ist unsere Schweiz. Deshalb sind wir in Anlehnung an Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes, dazu verpflichtet, anderen zu helfen, denen es weniger gut geht, denn «die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen», wie es in unserer Bundesverfassung heisst.
Wie Willy Ritschard weiterfährt in seiner Rede: „Jeder Schweizer soll auf sein Land stolz sein dürfen. Nationalstolz gehört auch zum Heimatgefühl. Aber wer nur an sich selber denkt, hat keinen Grund, stolz zu sein. Dem glaubt seinen Stolz keiner rnehr.“ Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind überzeugt, dass wir füreinander Verantwortung übernehmen soll, dass unsere Gesellschaft und unsere Schweiz besser ist, wenn nicht jede und jeder für sich selber schaut.
Gleichzeitig gibt Kräfte in der Schweiz, die genau definieren wollen, was und wie ein richtiger Schweizer sein soll. Die Heimat mit Herkunft gleichsetzen und mit Grenzen. Im deutschen Wörterbuch von 1877 der Gebrüder Grimm wird Heimat definiert als das „land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“, zweitens als „der geburtsort oder ständige wohnort“; an dritter Stelle wurde hinzugefügt: „Selbst das elterliche haus und besitzthum heiszt so, in Baiern“. Heimat war also lange Zeit ein nüchternes Wort, das vor allem geographisch und juristisch wichtig war. Der Nationalstaat und damit die emotionale Besetzung des Heimatlandes kamen später.
Die Schweiz ist eine Willensnation und als solche ein Erfolgsmodell. Wir haben vier verschiedene Sprachen und ganz verschiedene Menschen, die friedlich unter einem Dach – der Schweiz – zusammen leben. Die blutigen Kriege in Ex-Jugoslawien, die Blockade in Belgien zeigen auf, wie es anders sein könnte. Das Miteinander aller Landesteile, der respektvolle Umgang mit Minderheiten ist für die Schweiz überlebenswichtig und macht die Schweiz aus. Das ist es auch, genauso wie unsere lange demokratische Tradition, was die Schweiz für viele Länder zu einem Vorbild machen und wir auch darum pflegen müssen.
Aber es gibt verschiedene Bilder der Schweiz. Es gibt die Schweiz, die sich auf den Rütlischwur 1291 bezieht. Die den Kampf gegen die Habsburger ins Zentrum stellt und überall fremde Vögte wittert. Es gibt die Schweiz von 1848, die als einziges Land in Europa eine erfolgreiche liberale Revolution hatte und sich eine moderne Verfassung gab. Man kann sich auf die eine oder die andere Schweiz beziehen, man kann die eine oder die andere Schweiz mehr lieben, aber man kann den Leuten nicht vorschreiben, welche Schweiz sie zu lieben haben.
Willy Ritschard sagte, damals in Bezug auf die Jura-Frage „nur wer sich wandeln kann, lebt.“ Und hier wären wir wieder bei Peter Bichsel. Denn genauso könnte man sagen, nur wer sich ärgern kann, liebt. Wem es nichts bedeutet, der ärgert sich auch nicht. So gehören zur Schweiz auch kritische Geister. Wer Kritik übt an der Schweiz ist weder heimatmüde noch ein Nestbeschmutzer. Sondern einer oder eine, die die Schweiz weiter verändern und gestalten will. 1 Prozent der Bevölkerung besitzt 99 Prozent des Vermögens in der Schweiz. Superreiche erpressen Gemeinden und Kantone und nehmen für sich Sonderregeln in Anspruch. Manager, die eine Bank in den Ruin gestürzt haben und mit Milliarden Staatsgeldern gerettet wurden, zahlen sich zur Belohnung hohe Boni aus. Die Schweiz hat eine lange anti-feudale Tradition. Der Adel wurde vertrieben, Grossgrundbesitz verunmöglicht durch Allmenden und Bürgergemeinden. Jetzt gibt es einen neuen Adel: Den Geldadel. Eine neue Feudalklasse, dessen Vermögen von Generation zu Generation wächst. Sie arbeiten nicht, denn ihr Geld arbeitet für sie, sie investieren nicht, sie spekulieren. Wollen wir wirklich vor den neuen Feudalherren unserer Zeit den Hut ziehen, oder wollen wir lieber uns gemeinsam für eine Gesellschaft, für eine Schweiz einsetzen, in der das Gemeinwohl und der soziale Ausgleich im Zentrum stehen. Welche Schweiz wollen Sie?
